Altersstereotype: Was wir gewinnen, wenn wir uns von ihnen lösen

Wie geht es dir, wenn du an deinen nächsten Geburtstag denkst? Freust du dich darauf, verdrängst du das Datum oder ist dir etwas mulmig zumute? Vielleicht wird es ja sogar ein runder? 50, 60, 70, … - viele reife Menschen packt leichte Panik, wenn wieder ein ​Ziffernwechsel in der Dezimale ansteht. ​Doch warum eigentlich?

Unlängst kreuzten fast zeitgleich zwei Menschen meinen Weg, die sich nicht um runde Geburtstage und Altersstereotype scheren.

Der Mann, der ins Ungewisse springt

Als Erster lief mir Ma​nuel virtuell über den Weg. Soziale Netze ​nerven ​ja manchmal, doch diesmal freute ich mich, weil mich Xing an​ ​seinen Geburtstag erinnerte. Vor vielen Jahren war ​Manuel unser Bereichsleiter in der Software-Entwicklung für Hochgeschwindigkeitszüge. Ich mochte ihn und ​die Lachfältchen um ​seine Augen.​ ​Von ​seinen Abteilungs- und Teamleitern forderte er viel​, ​aber er stärkte uns auch den Rücken​, wenn es knirschte. 

​Manchmal erzählte er in seinem ​weichen Sächsisch eine Geschichte. Eine davon ​begleitet mich noch heute. ​​Am Ende des Beitrags verrate ich sie dir.

​​Ma​nuel und ich hatten uns schon lange aus den Augen verloren. Nun entdeckte ich auf seinem Xing-Profil, dass er seit einem Jahr in einer anderen Firma arbeitet. Ich schrieb ihm eine Geburtstags-Nachricht und fragte ihn, wie es ihm geht als Geschäftsführer der neuen GmbH.

Was er antwortete, überraschte mich. Mit 56 hatte Ma​nuel ​mehr als den Job gewechselt. Weil ihm selbstbestimmtes Arbeiten und Leben immer wichtiger wurde, hatte er seine eigene Software-Firma gegründet. N​ach einem Jahr ist noch offen, was ​die Zukunft bringt – ich drücke ​Manuel und seinen Mitarbeitern​ die Daumen. 

Die Frau, die für faire Wahlen um die Welt reist

In der gleichen Woche stieß ich auf dem Bahnhof Friedrichstraße fast mit einer drahtigen Lady mit graumeliertem Bubikopf und breitem Lächeln zusammen. Lea! Wir fielen einander spontan um den Hals. Vor fünf Jahren hatten wir uns ​bei einer Weiterbildung für internationale Wahlbeobachter kennengelernt.

Lea hatte mich damals schwer beeindruckt. Sie gehörte zu den erfahrensten in unserer Truppe. In Wahllokalen, Bürgermeisterämtern, Schulen, Gerichten und auf den Straßen von Russland über Pakistan bis Zimbabwe hatte sie alles Mögliche und Unmögliche erlebt. Vor allem hatte sie Tausenden von Menschen in die Augen gesehen und ihnen zugehört.

Im Steh-Café tranken wir einen Latte und schwatzten. Lea ist inzwischen 69 und freut sich über ihre zwei Enkel. Doch noch immer reist sie mehrmals im Jahr an nicht immer friedliche Orte, um dort für die OSCE und die EU Wahlen zu beobachten. Ehrenamtlich. Warum? Sie sagt, das ist ihr Sandkorn, mit dem sie die Welt ein bisschen friedlicher und fairer machen will.

Was haben diese beiden Menschen gemeinsam?

Vor allem leben sie ​in Einklang mit ihren Werten. Dabei pfeifen sie auf ​Vorurteile, auf Altersstereotype. 

​Werte, Sinn und Vorurteile

Als Coach erlebe ich immer wieder, dass gerade reife Menschen zunehmend nach ihren persönlichen Werten leben wollen. Selbstbestimmung, Naturverbundenheit, Solidarität … - was auch immer den einzelnen im Herzen bewegt, ​wird nun unüberhörbar. ​Manchmal haben diese Menschen Jahre oder sogar Jahrzehnte vor allem „funktioniert“, doch nun spüren sie die Sehnsucht nach ihrem eigenen Ding.

Diese starke Orientierung an Werten und die Suche nach Sinn teilen viele lebenserfahrene Menschen übrigens mit den Millenials, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Nähern sich hier die Generationen an?

Reife Menschen haben deutlich mehr Lebenserfahrung als 20- und 30-Jährige und oft auch höhere soziale Kompetenzen. Auf der anderen Seite erleben sie gesellschaftliche Vorurteile, die manchen Neu​anfang erschweren.

Seien es neue Wege im Beruf oder auch im „Ruhestand“.

Übrigens: Ist dir schon einmal aufgefallen, dass dieser Begriff aus dem 19. Jahrhundert schon längst nicht mehr zu dem bunten Fächer an Möglichkeiten und Lebensentwürfen passt, die reife Menschen heute ​ für sich entdecken?

​Und du - welches Bild hast du von Menschen ​im Kopf, deren kalendarisches Alter 50 oder 60 übersteigt? Was traust du ihnen zu oder nicht mehr zu? ​Ist dein Bild eher positiv? Eher negativ? ​Oder gemixt?

Wie denkst du über dein eigenes Älterwerden?

Vorurteile und Altersstereotype ade

Wie berechtigt sind die weit verbreiteten Vorurteile gegenüber reifen Menschen?

Pauschal werden ältere Mitarbeiter als weniger leistungsfähig, motiviert und lernfähig angesehen. Doch ​treffen diese Einschätzungen zu?

Eine der wichtigsten Forschungsarbeiten heißt „Altersstereotype am Arbeitsplatz“. In dieser Metastudie analysierten Richard A. Posthuma und Michael A. Campion 117 wissenschaftliche Artikel und Bücher zum Thema. 

Die Wissenschaftler stellten fest, dass ältere Mitarbeiter ebenso produktiv und motiviert sind wie junge. Viele von ihnen eignen sich auch gern neues Wissen an, wenn ihnen die Möglichkeit dazu geboten wird.

Außerdem verfügen reife Menschen über wertvolle Kompetenzen: Erfahrungswissen, Qualitätsbewusstsein, soziale Kompetenz, Konfliktlösungsfähigkeit und vieles mehr. Clevere Personalverantwortliche und Führungskräfte wissen das und nutzen die Leistungstärke und Kreativität gemixter Teams. Leider noch zu selten, aber immerhin.

Und was geschieht nach der Pensionierung? Zusätzlich zum Schatz ihrer Kompetenzen gewinnen Menschen dann oft den Freiraum, ungelebte Träume zu leben.

Doch Vorurteile sind klebrig wie Pattex. Sie haften nicht nur an denen, die sie nähren und verbreiten, sondern heften sich auch leicht an die Menschen, denen sie gelten.

Dann ​werden sie ​allzu oft zur selbsterfüllenden Prophezeiung. ​Wer sich ​nur noch wenig zutraut, wird auch schwerlich über seinen Schatten springen. 

Was können wir tun? Falls du jetzt ein paar Tipps erwartest, wie wir unsere eigenen Vorurteile und d​ie anderer Menschen ​entkräften können, ​​findest du sie hier nicht. Stattdessen möchte ich dir eine Geschichte ​weitergeben.

Der Kletter-Frosch: Altersstereotype ade

​Die Geschichte von den kletternden Fröschen

Als Ma​nuel noch mein Chef war, erzählte er eines Tages vom Wettbewerb der kletternden Frösche, womit er mir ein bleibendes Aha-Erlebnis schenkte. Für dich habe ich die Geschichte aus der Großstadt in den Wald verlegt.

An einem Waldsee lebte einmal eine Truppe von Fröschen. ​Sie fingen Mücken und Grillen, vergnügten sich bei kurzem, aber heftigen Sex und quakten den ganzen langen Tag um die Wette.

Doch drei der Frösche tickten anders als ihre Kameraden. Die drei waren unterschiedlich alt – der erste hatte erst im letzten Frühjahr seinen Kaulquappen-Schwanz abgeworfen, der zweite war fünf Jahre und der dritte zählte bereits zwanzig Jahre. Für Frösche bedeutet das ein Methusalem-Alter.

​Trotz der unterschiedlichen Lebensjahre ​träumten die drei den gleichen ​verrückten Traum. Sie wollten nicht nur ihren kleinen Waldsee erleben, sondern einmal im Leben in die weite Welt hinaussehen. Sie wussten auch schon, wie das anzustellen w​äre.

Dicht am See rauschte eine hohe Pappel im Wind. Aus ihrem Wipfel musste man weit über den Wald und die Seenlandschaft sehen können. Jeden Morgen schlichen sich die drei vor Sonnenaufgang zur Pappel und übten klettern. Heimlich, denn sie hatten Angst vor dem Gelächter der anderen Frösche. 

Als sie genügend geübt hatten, wagten sie eines Tages, den anderen Fröschen von ihrem Traum zu erzählen. Die Frösche schnappten nach Luft und verstummten für einen Moment. Ihnen sprangen fast die Kugelaugen aus den Köpfen. Dann quakten sie um so lauter. Drei der ihren wollten es also bis in den Baumwipfel schaffen und das sehen, was kein Frosch je erblickt hatte? Unmöglich!

Als sich die Frösche gefasst hatten, begleiteten sie die drei Abenteurer zum Fuß der Pappel. Sie umringten den Baumstamm und der jüngste Heldenfrosch probierte sein Glück. Während er schnaufend bereits drei Meter Höhe gewonnen hatte, tönte das Gequake am Boden immer lauter. Der Frosch hielt inne und blickte aus schwindelerregender Höhe nach unten. Seine Schenkel schmerzten.

Noch nie ist ein Frosch auf einen Baum geklettert“, „Du bist ja verrückt“, „Das schaffst du nie!“ tönten die Stimmen seiner Kameraden. Der Frosch blickte erst nach unten, dann nach oben. Hoch über ihm wiegten sich die Zweige des ​Baumwipfels - unerreichbar. Der Frosch schloss resigniert die Augen und ließ sich fallen. Zerkratzt, aber mit heilen Knochen landete er auf dem Waldboden.

Der mittlere Frosch wollte sich vom Fall seines Kumpels nicht aus dem Konzept bringen lassen. Er war so sicher, dass er es schaffen konnte. Schließlich hatte er all die Wochen hart für diesen Augenblick trainiert. Er nahm sich vor, das warnende Gequake zu ignorieren. Mit einem Satz sprang er auf den Stamm, krallte seine Füße in die Borke und erklomm zügig den Baum.

Schon war er auf halber Höhe, als ein Eichhörnchen auf den benachbarten Ast sprang und kicherte „Blöder Frosch! Wenn du herunterfällst, brichst du dir alle Froschschenkel!“. Der Frosch verlor das Gleichgewicht und plumpste auf den Rücken. Arg lädiert, ließ er sich von seinen beiden Freunden trösten, während die Froschtruppe mehrstimmig „Wir haben es dir doch gleich gesagt“ intonierte.

Die Frösche hielten für einen Moment den Atem an, dann quakten sie warnend weiter. Würde der dritte Abenteurer auf sie hören und sein hirnrissiges Unternehmen ​aufgeben? 

Der älteste Frosch sah prüfend zur Baumkrone, streifte seine schweißnassen Hände im Moos ab und atmete tief. Dann begann er den Aufstieg - zügig, doch ohne Hast. Die Froschtruppe quakte jetzt so laut, dass auch andere Tiere neugierig zum Ort des Frosch-Marathons eilten. Nicht nur das Eichhörnchen, sondern auch Krähen, der Fuchs und eine Wildschwein-Rotte stimmten in den vielstimmigen Chor der Kassandra-Rufer ein.

Unverdrossen kraxelt der Frosch höher und höher. Auf halber Höhe kreischt ihm das Eichhörnchen seine Warnung ins Ohr, doch der Frosch klettert weiter. Nach zwei Stunden erreicht der Frosch endlich den Gipfel. Erst jetzt spürt er, wie sein Herz hämmert - vor Anstrengung, Aufregung oder Begeisterung, wer weiß das schon. Der Frosch schaut weit hinaus in die Seenlandschaft, gesprenkelt von Kiefern- und Birkengrün. Bis zur großen Stadt sieht er.

Er entspannt die schmerzenden Muskeln, genießt den Anblick und lächelt. Spät erst klettert er wieder hinab, genauso bedächtig, wie er gekommen ist.

Als die Abendsonne kupferfarbene ​Flecken auf Kiefern und See malt, erreicht der alte Frosch den Waldboden, wo die Froschbande perplex vor Erstaunen auf ihn wartet.

Wie hat der Frosch das Unmögliche geschafft? Was war wohl sein Geheimnis?
Errätst du es? Dann freue ich mich auf deinen Kommentar.

​Lass es dir gut gehen!
​Christine


​Quelle:
Richard A. Posthuma und Michael A. Campion: Age Stereotypes in the Workplace: Common Stereotypes, Moderators, and Future Research Directions

Christine Radomsky

Träumst Du von einem Neuanfang im Job? Dr. Christine Radomsky begleitet Fachexperten und Führungskräfte 50plus zu ihrem erfolgreichen beruflichen Neustart. Tiefe und späte berufliche Umbrüche kennt sie aus eigenem Erleben: Von der Physikerin zur Softwareentwicklerin und Validiererin, von der Teamleiterin zum Coach. Sie ist Spezialistin für Selbstführung und lebenslange Persönlichkeitsentwicklung. Für lebenserfahrene Menschen im beruflichen Umbruch, die in einer Welt schnellen Wandels erfüllter leben wollen, leitet sie Online-Workshops - gemeinsam mit ihrem Partner Dr. Michael Radomsky. Auf ihrem SinnCoach-Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Anregungen für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.

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