57-jähriger Arbeitssuchender läuft 7000 km durch Europa für einen Job

An einem Tag kurz vor Ostern hängen die Wolken tief über dem oberbayrischen Städtchen Schöngau. Thomas, 57, nimmt seine Frau zum letzten Mal für lange Zeit in seine Arme. Mit seinem 28 kg Rucksack startet er ein riskantes Projekt. Across Europe – 7000 km, 7 Länder, 1 Europa, 1 Job. Zu Fuß vom Nordcap bis nach Messina auf Sizilien. Warum?

Thomas will einen Job. Er läuft allein, doch nicht nur für sich. Denn er will allen zeigen, dass Endfünfziger fit, motiviert, flexibel und ausdauernd sein können. Das, was wie ein großes Wanderabenteuer klingt, ist mehr. Für mich klingt es wie ein trotziger Schrei nach Wertschätzung, Chancengleichheit und Fairness für Lebenserfahrene.

Across Europe: Arbeit 50plus 60plus

Vor neun Monaten verlor Thomas seinen Job im Vertrieb. Seitdem schrieb er mehr als 100 Bewerbungen – ergebnislos. Obwohl er sogar bereit ist, Aufgabengebiet und Arbeitsort zu wechseln. Auch eine Wochenend-Ehe würden sie notfalls durchstehen, hatte er mit seiner Frau besprochen.

Ich würde ja sehr gerne meine Erfahrungen an andere weiter geben und weiterhin erfolgreich im Vertrieb, oder im Bereich Ausbildung arbeiten – schließlich habe ich ja noch viele produktive Jahre vor mir. Thomas Rohrmann

Ist er ein Einzelfall? Auf seiner Website sprechen ihm Menschen Mut zu [1]. Viele ältere Arbeitssuchende, die in einer ähnlichen Lage wie er sind oder waren, erzählen ihm ihre persönlichen Geschichten per Email. Manche haben resigniert. Manche haben sich nach der n-ten Absage selbstständig gemacht. Thomas hat nicht geahnt, dass er so viele Menschen mit seiner Aktion berührt.

Die Wirtschaft in Deutschland boomt. Fachkräfte seien nur schwer zu bekommen, klagen Firmenlenker und Politiker. Wirklich? Eine ganze Kohorte arbeitslos gewordenen Menschen – gut ausgebildet, motiviert und berufserfahren – fällt durchs Raster.

Vom Demografiegipfel 2017 der Bundesregierung lesen wir eine Absichtserklärung:

„Alle Fachkräfte in Deutschland sollen ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Arbeitsmarkt einbringen können. Die Bundesregierung fördert die Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit Behinderungen.“ [2]

Doch was geschieht konkret? Eine hochkarätige Arbeitsgruppe der Regierung sollte diese Richtlinie mit Leben erfüllen.

Welche Konzepte und Ideen hat sie erarbeitet, um arbeitslos gewordene Ältere beim erneuten Berufseinstieg zu unterstützen? Fehlanzeige. Im Abschlusssdokument vom Demografiegipfel finde ich kein Konzept, keine Idee für diese Menschen [3].

Selbstverantwortung des Einzelnen versus Verantwortung von Systemen

Thomas wartet nicht, bis ihm Politik oder Wirtschaft entgegenkommt. Er übernimmt Selbstverantwortung und handelt. Mit seiner spektakulären Aktion will Thomas nicht nur einen Job für sich erreichen. Er will auch den vielen Arbeitssuchenden zwischen fünfzig und Ende sechzig Mut machen, sich als Akteure, nicht als Opfer zu sehen.

Als Coach begleite ich Lebenserfahrene in späten beruflichen Umbrüchen. Was ist es, das ihnen bei der beruflichen Veränderung vor allem hilft? Zunächst ein Mindset der Selbstverantwortung. Lebenslang lernen, aktiv werden, nach Misserfolgen wieder aufstehen – all das ist unverzichtbar, wenn „Silver Workers“ wieder einen Job finden wollen.

Auch eine gehörige Portion Selbst-Wertschätzung gehört zu diesem Mindset. Sie hilft dabei, nicht selbst in die Falle der Alterstereotype zu tappen und emotional stabil zu bleiben. Außerdem tut es gut, sich Verbündete zu suchen.

Doch auf der anderen Seite leben wir in Systemen. Und wie mir scheint, hinken viele Firmen und große Teile der Gesellschaft in ihrem Bewusstsein der Realität noch Jahrzehnte hinterher. Mögen Corporate Identity und politische Absichtserklärungen auch das Gegenteil verkünden.

Arbeit 50plus, Arbeit 60plus ist ein Problem in Deutschland. Trotz der auf 67 Jahre zulaufenden Regelaltergrenze.

Trotz der Tatsache, dass wir heute nicht nur eine um etwa sieben Jahre höhere mittlere Lebenserwartung haben als die Elterngeneration. Neurowissenschaftler und Psychologen haben gezeigt, dass auch ältere Gehirne zu Hochleistungen auflaufen, wenn ihr Besitzer sie fordert.

Es stimmt – mancher Mensch von Thomas‘ Jahrgang ist von harter körperlicher Arbeit oder Dauerstress im Job beeinträchtigt oder chronisch krank. Mancher hat auch einfach andere Prioritäten als die Arbeitswelt – Familie, Natur, Hobbies. Dann hat er oder sie vermutlich andere Bedürfnisse als einen neuen fordernden Job. Doch Fünfziger und Sechziger wie Thomas mit Biss und Gestaltungswillen werden immer mehr.

Solange sie schon über Jahre in Firmen tätig sind, kommen ältere Experten und Führungskräfte in der Regel gut klar. Mitarbeiter, Kollegen und Chefs schätzen sie. Denn die Kompetenzen reifer Mitarbeiter sind vielfältig: Erfahrungskompetenz, Konfliktkompetenz, Führungskompetenz, Sozialkompetenz sind nur einige davon. Sie wiegen die Defizite wie langsameres Denken mehr als auf.

Das früher weit verbreitete Karrieremuster „Ein Leben lang bei Siemens oder Elektromeister Müller“ ist jedoch zum Auslaufmodell geworden. Deshalb müssen sich viele Menschen beruflich immer wieder neu erfinden. Wenn ein Lebenserfahrener jedoch eine neue Arbeit sucht (freiwillig oder erzwungen) – welche Chancen hat er dann?

Erfahrene Personaler und Führungskräfte wissen: Junge und lebenserfahrene Kollegen ergänzen sich produktiv, wenn sie ihre jeweiligen Stärken einbringen.

Doch wie viele Menschen in Führungspositionen und Personalabteilungen handeln danach? Vorurteile wie „Ältere Mitarbeiter sind inflexibel und weniger motiviert“ werden selten offen geäußert.

Fatal sind vor allem die unbewussten Vorurteile, die Menschen an den Schaltstellen der Unternehmen vermutlich von sich weisen würden. Die aber dennoch im Unbewussten wirken und Entscheidungen bestimmen. Was paradox scheint, denn auch die dynamischen Vierziger von heute können sich schon bald in ähnlicher Lage wiederfinden.

Während hier die Amseln ihre Frühlingsmelodien schmettern, hat Thomas gerade die ersten Tage seiner Wanderung hinter sich. Vom Nordcap aus kämpft er sich durch Schneewehen und eisigen Wind nach Süden. In acht bis neun Monaten will er Sizilien erreichen. All das mit Minimalbudget von 8 Euro pro Tag.

Auch wenn er seine Etappen einsam durchsteht, ist er nicht allein. Mit ihm sind die guten Wünsche vieler Menschen, in deren Herzen er eine Saite zum Klingen gebracht hat. Falls Thomas eines Tage am Berliner Müggelsee vorbeikommt, steht ihm auch unser Haus offen.

Quellen
[1] Across Europe: Facebook-Seite
[2] Antworten auf die Bevölkerungsentwicklung : Informationsmaterial der Bundesregierung
[3] Arbeitsergebnisse zum Demografiegipfel am 16. März 2017: Arbeitsgruppe „Mobilisierung aller Potenziale zur Sicherung der Fachkräftebasis“

Christine Radomsky

Träumst Du von einem Neuanfang im Job? Dr. Christine Radomsky begleitet Fachexperten und Führungskräfte 50plus zu ihrem erfolgreichen beruflichen Neustart. Tiefe und späte berufliche Umbrüche kennt sie aus eigenem Erleben: Von der Physikerin zur Softwareentwicklerin und Validiererin, von der Teamleiterin zum Coach. Sie ist Spezialistin für Selbstführung und lebenslange Persönlichkeitsentwicklung. Für lebenserfahrene Menschen im beruflichen Umbruch, die in einer Welt schnellen Wandels erfüllter leben wollen, leitet sie Online-Workshops - gemeinsam mit ihrem Partner Dr. Michael Radomsky. Auf ihrem SinnCoach-Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Anregungen für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.

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