„Innerlich frei“ von Ulrike Scheuermann – Buchtipp und Rezension

Magst Du Bücher? Gern lasse ich mich von Sachbüchern zur Persönlichkeitsentwicklung inspirieren. Doch viele von ihnen vergesse ich bereits nach einigen Seiten Vorschau – gar zu trivial und teilweise übergriffig kommen die Ratschläge daher.

„Innerlich frei“ ist wohltuend anders. Ulrike Scheuermann hat es geschafft, ein tiefgründiges Sachbuch zur Persönlichkeitsentwicklung ohne direkte Ratschläge zu schreiben - Respekt.

Innerlich frei: Worum es geht

Innerlich frei - das Buch zur behutsamen Persönlichkeitsentwicklung #innerlichfrei

“Innerlich frei: Was wir gewinnen, wenn wir unsere ungeliebten Seiten annehmen” von Ulrike Scheuermann ist 2016 im Knaur Verlag erschienen.

Hauptthema ist, wie wir unsere Persönlichkeit behutsam entwickeln können - indem wir nicht nach Perfektion und Dauer-Glück jagen. Sondern, indem wir auch unsere ungeliebten Seiten integrieren und das Leben so annehmen, wie es gerade ist.

Das Buch besteht aus drei Teilen und wird durch Interviews mit vier ungewöhnlichen Menschen abgerundet. Reflexionsfragen und praktische Übungen für den Alltag sind in das Buch eingebettet.

Teil 1: Gefangen

Im ersten Teil stellt Ulrike Scheuermann dar, wie unsere Wachstums-Gesellschaft physische und psychische Selbstoptimierung immer mehr zum Zwang macht. Normale Seelenzustände wie Unsicherheit, normales Verhalten wie Wutausbrüche bei Kindern werden als defizitär oder sogar therapiewürdig eingestuft.

Über das Internet, im Fernsehen und der Presse werden mit großem Werbe-Budget irreale Idealbilder verbreitet, an denen wir uns orientieren sollen.

Wenn wir uns mit diesen Idealbildern vergleichen, fühlen wir uns oft als „nicht gut genug“. Unser Selbstwertgefühl leidet und das Verlangen entsteht, unseren Körper und unsere Psyche zu tunen.

Damit werden wir anfällig für fremdbestimmte Verlockungen, die uns die einfache Beseitigung unserer „Defizite“ suggerieren wie Botox gegen Falten oder das Ein-Tages-Seminar gegen Schüchternheit.

Ulrike Scheuermann regt an, Triggersituationen für solche Verlockungen zu erkennen und zu hinterfragen, ob es wirklich um unser eigenes (oder ein fremdbestimmtes) Thema geht.

Teil 2: Frei

Im zweiten Teil regt die Autorin zu einer ehrlichen Selbstauseinandersetzung an. Sie erzählt eine kleine persönliche Geschichte rund um ein Facebook-Foto, bei dem auch sie sich vom „Ereiferungs-Reflex“ anstecken ließ. Und sie zeigt, wie unsere innere Freiheit leidet, wenn wir vorschnell und selbstgerecht über andere Menschen urteilen.

Ulrike Scheuermann lädt dazu ein, innezuhalten statt dem ersten angetriggerten Gefühl unreflektiert nachzugeben. Vielleicht auch erst einmal darüber zu schlafen.

Um uns danach zu fragen, was wir über uns selbst lernen können. Vielleicht entdecken wir eigene Beweggründe und neue oder abgelehnte Seiten unserer Persönlichkeit. Denn:

„Worüber wir uns ereifern, ist nur der Spiegel unserer selbst“.

Die Auseinandersetzung mit dem Ereiferungsreflex (angetriggert sein –> von der Empörung der anderen angesteckt sein –> gleiche Augenhöhe verlassen) hilft nicht nur dabei, problematische Prozesse in den Sozialen Medien zu verstehen.

Sie hilft vor allem dabei, unsere eigene Verantwortung besser wahrzunehmen. Wir entscheiden selbst, ob wir uns unreflektiert von Empörung, Lästern etc. anstecken lassen. Oder ob wir innehalten und uns fragen, was genau in unserem Inneren die Wut, den Ärger usw. hervorruft. Und die Antwort dann zu unserer eigenen Entwicklung nutzen.

Wenn wir unsere eigenen Schattenseiten ergründet haben, können wir uns bewusst entscheiden, ob und wie wir handeln. Das kann auch heißen, in der „Außenwelt“ wirkungsvoll für eine Sache einzutreten und mehr Menschlichkeit und Liebe in die Welt zu bringen.

Teil 3: Erfüllt

Im dritten Teil lädt Ulrike Scheuermann uns dazu ein, das Leben immer mehr so anzunehmen wie es gerade ist.

Statt der weit verbreiteten Haben-Ziele (ich will etwas haben/ tun/ erreichen) können wir uns stärker auf Sein-Ziele konzentrieren. Dabei geht es darum, welche Haltung wir einnehmen oder wir wir uns fühlen wollen.

Dann erleben wir uns nicht mehr als Mangelwesen, denen irgend etwas fehlt, dem wir hinterherjagen (der Traumjob, die große Liebe …). Statt dessen können wir eher das leben, was uns ausmacht – unser Wesentliches.

Wenn wir loslassen, wird auch die Liebe tiefer, meint die Autorin. „Liebe ist ein Kind der Freiheit.“ Und sie fragt: Wie können wir den Menschen, den wir lieben, loslassen und in seiner Entwicklung unterstützen?

Ulrike Scheuermann plädiert dafür, nicht verbissen nach der großen Liebe zu suchen, sondern „Weltliebe“ zu entwickeln. Denn wir können Liebe auch in kleinen, alltäglichen Begegnungen empfinden – bei jedem aufgeschlossenen und echten Kontakt, so kurz er auch sein mag.

Innerlich frei: Wie es mir beim Lesen ging

Ulrike Scheuermann gelingt es, der Flut von Selbstoptimierungs-Ratgebern ein Buch mit Tiefgang entgegenzusetzen, das nachdenklich macht.

Fallbeispiele aus ihrer Beratungs-Praxis und dem Krisendienst, philosophische Reflexionen, Ergebnisse psychologischer Studien und vieles mehr wechseln einander ab. Besonders sympathisch wirken auf mich Begebenheiten aus dem Leben der Autorin, die sie ohne Perfektion zeigen – einfach menschlich. An diese kleinen Geschichten aus dem Alltag kann der Leser mühelos andocken.

Ihre Gedankengänge habe ich als nachvollziehbar und schlüssig empfunden. Auf Dinge, die ihr wichtig sind, geht die Autorin mehrfach aus unterschiedlichen Blickwinkeln ein.

Wo steht eigentlich geschrieben, dass wir unsere Bedürfnisse erfüllen müssen, fragt die Autorin. An dieser Stelle habe ich eine Auseinandersetzung mit dem Thema „echte Bedürfnisse versus „Pseudo-Satisfier“ (Max-Neef) vermisst.

Die klar abgesetzten praktischen Impulse finde ich hilfreich und wirksam. Ulrike Scheuermann verzichtet auf Ratschläge, sondern setzt auf Reflexionsfragen und kleine Übungen. Viele kannte ich in dieser oder anderer Form. Andere waren mir neu und wurden gleich mal ausprobiert. Wie beim Thema „Einhalt“ die Frage: Mache ich hier gerade etwas, was nicht zu mir passt?

Das Buch liegt angenehm in der Hand und ist klar gestaltet. Der Text mit Hervorhebungen ist gut lesbar, die Übungsteile am Ende jedes Abschnitts farbig klar abgehoben. Das Blumen-Cover in Pastelltönen hat mich weniger angesprochen, ich hätte es eher mit dem Thema Esoterik assoziiert. Nicht davon abschrecken lassen!

Gesamteindruck: Sehr lesenswert.

Ulrike Scheuermanns Buch ist eine Einladung, alle Seiten unserer Persönlichkeit zu integrieren – Gutes wie Schlechtes - und auch die schweren, unangenehmen Zeiten unseres Lebens willkommen zu heißen. Wir müssen nichts mehr ablehnen, sondern können gelassen lebenslang wachsen.

Nicht mehr fremdbestimmt vom Lärm der Konsumgesellschaft und dem künstlich erzeugten Bedarf nach "schneller – höher – weiter". Sondern wir können selbstbestimmt und in unserem eigenen Tempo entdecken, was unserem Leben Sinn gibt. Wie wir - auch im Zusammenleben und zum Wohle anderer Menschen - erfüllt leben können.

Innerlich frei: Fazit

Vorab: Menschen, die simple Kochrezepte für Dauerglück und äußeren Erfolg erwarten, werden sie in „Innerlich frei“ nicht finden.

Dagegen bietet das Buch Ermutigung und alltagstaugliche Anregungen für Menschen, die sich immer mehr vom Hamsterrad der Selbstoptimierung lösen wollen, weil sie innere Freiheit und selbstbestimmte Erfüllung suchen.

Es ist auch für diejenigen lesenswert, die gerade eine schwere Zeit in ihrem Leben durchmachen und sich trotzdem (oder gerade dann) weiterentwickeln wollen. Für alle, die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit aushalten und gelassener im Fluss des Lebens schwimmen wollen.

Herzlichen Dank für dieses Buch, Ulrike Scheuermann!

Meine Empfehlung: Lesen und die Übungen auskosten! Am besten in kleinen Häppchen und über längere Zeit.

Falls Du "Innerlich frei" schon gelesen hast - welchen Eindruck hast Du gewonnen?

Falls nicht - gibt es ein Buch zur Persönlichkeitsentwicklung, das Dich besonders beeindruckt hat?

Ich freue mich darauf, von Dir zu hören.

Veröffentlicht von

alcudina.de

Dr. Christine Radomsky ist Sinn-Coach und Spezialistin für Selbstführung. Als Coach und Trainerin unterstützt sie ambitionierte Berufstätige in der zweiten Karrierehälfte, einen späten Karrierewechsel oder den Einstieg in den (Un)Ruhestand vorzubereiten. Auf ihrem SinnCoach-Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Gedanken und praktische Tipps für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schön, Deine Rezension, liebe Christine! Ich habe das Buch zuhause liegen und noch gar nicht angefangen, es zu lesen. Aber ich werde Ulrike eine email schreiben und sie auf Deine Rezension aufmerksam machen. Bestimmt wird sie sich darüber freuen. Mir selbst kommt es so vor, als ob ich mir mein Frei sein in jeder Lebensphase auf einem anderen Gebiet neu erarbeiten muss. Jedenfalls macht Dein Artikel auch mir Appetit. Vielen Dank dafür!

    • Vielen Dank, liebe Sabine! Wie schön, dass das Buch bei Dir zu Hause schon darauf wartet, von Dir gelesen zu werden.
      „Frei sein in jeder Lebensphase auf einem anderen Gebiet neu erarbeiten“, schreibst Du. Ja, das kenne ich auch von mir. Auch deshalb glaube ich, Freiheit ist weniger ein Zustand als ein Weg. Denn wir haben im Leben nicht nur eine einzige Identität.
      Herzlichst
      Christine

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