Schwarmintelligenz?

Vor kurzem raste eine Nachricht wie eine Lawine durch die sozialen Medien. Schwedische Behörden hätten der Bevölkerung verboten, die Straßen mit Weihnachtsbeleuchtung zu schmücken – aus Rücksicht auf muslimische Immigranten.

Hast Du diese Nachricht auch gelesen? Und hast Du sie geglaubt?

Facebook-Nutzer versahen sie mit empörten Emoticons und teilten sie vielfach. In ihren Kommentaren verschärften sie die Nachricht noch. Eine kleine Auswahl:

  • „Schweden kapituliert vor dem Islam“
  • „Europa schafft sich ab“
  • „Zeigt das Ende des Christentums an“
  • „Erhebt euch gegen die Aggressoren!“

Kritisches Denken blieb Mangelware. Nur wenige hatten sich die Mühe gemacht, Quelle und Realitätsgehalt der Nachricht zu überprüfen.

Ein Faktencheck von [1] ergibt:

  • WAHR: Der Chef der schwedischen Verkehrsbehörde hat untersagt, dass Weihnachtsbeleuchtung an den staatlich verwalteten Strommasten der Transitstraßen angebracht wird - wegen Sicherheitsbedenken.
  • FALSCH: Die Weihnachtsbeleuchtung in schwedischen Städten wurde verboten
  • FALSCH: Grund für die Entscheidung sind die Muslime.

Mich bestürzt, wie eine zunächst unbedeutende Nachricht in den Sozialen Medien viral geht.

Weitgehend unabhängig von den realen Fakten teilen Menschen ihre persönlichen Interpretationen, verstärken sich gegenseitig in ihrer Gefühlen und Meinungen und lösen damit Lawinen aus.

Noch bevor es Facebook und Twitter gab, schenkte uns ein kolumbianischer Schriftsteller und Nobel-Preisträger eine Geschichte, die ich gern mit Dir teilen möchte.

Schwarmintelligenz oder Schwarmdummheit? Kritisches Denken hilft

fxxu @pixabay.com

Frei nach Gabriel García Márquez:
Etwas Schreckliches wird in diesem Ort passieren
[2]

Eine Mutter sitzt mit mit zwei heranwachsenden Kindern beim Frühstück. Als der Sohn die sorgenvolle Miene seiner Mutter sieht, fragt er sie nach dem Grund. “Ich habe geträumt, dass heute in unserem Ort etwas Schreckliches passieren wird.” Tochter und Sohn lachen die Mutter aus - es war doch nur ein Traum.

Nach dem Frühstück trifft sich der Sohn mit seinen Freunden, um Basketball zu spielen. Er hat eine Glückssträhne. Doch als er den nächsten Ball in den Korb befördern will, sagt sein Freund: “Wette mit mir um einen Peso, dass du es nicht schaffst!” Und siehe da – er wirft vorbei.

Die Freunde umringen ihn und wollen wissen, was mit ihn los sei. Er lacht: “Meine Mutter hat geträumt, heute werde etwas Schlimmes passieren. Der Gedanke daran hat mich abgelenkt.” Die Freunde sehen sich an und lächeln.

Der junge Mann, der den Peso gewonnen hatte, geht nach Hause. Er erzählt davon, wie die Vorahnung der Mutter die Hand seines Freundes zum Zittern gebracht hat. Alle schütteln den Kopf, auch seine Cousine.

Die Cousine geht einkaufen und bittet den Fleischer um eine viertel Salami. Dann verbessert sie sich: “Geben sie mir lieber eine ganze. Es wird erzählt, dass heute im Ort etwas Schlimmes passieren wird. Da ist es besser, vorbereitet zu sein”.

Als der nächste Kunde zwei Steaks kaufen will, rät ihm der Fleischer: “Nehmen sie lieber vier. Heute wird etwas Schlimmes passieren, sagen die Leute”. Der Kunde entscheidet sich für acht Steaks.

Um es kurz zu machen - Nach einer Stunde hat der Fleischer alle Vorräte verkauft und lässt eine weitere Kuh schlachten.

Im Dorf verbreitet sich einstweilen der Kassandraruf wie ein Leuchtfeuer.

Als die Sonne im Zenit steht, wird es unerträglich heiß. „Spürst du, wie heiß es ist?“ fragt einer. „Ach was, im Juli ist es gegen zwei oft so heiß“, widerspricht ein zweiter. „Doch so unerträglich heiß war es noch nie“, meint ein dritter.

Die Spannung unter den Menschen ist fast mit Händen zu greifen. Jeden Augenblick kann etwas Furchtbares passieren.

Plötzlich fällt mitten auf dem Marktplatz ein Spatz tot zu Boden. Die Menschen stöhnen auf. „Hast du gesehen, wie der Vogel tot vom Himmel fiel?“ „Ja, doch bei uns sterben schon manchmal Vögel vor Durst.“ „Schon, aber nie um diese Zeit.“

Bald haben sich alle Bewohner auf dem Marktplatz versammelt. Angst und Anspannung drängen sie zur Flucht, aber keiner traut sich.

Da ruft einer: „Ich mache mich davon!“ Er lädt Frau, Kinder und das Nötigste in seinen Jeep und fährt davon.

Als der Jeep am Marktplatz vorbeifährt, gibt es kein Halten mehr. In Panik greifen sich die Menschen ein paar Sachen und verlassen ihr Städtchen – per Auto, Fahrrad oder zu Fuß.

Einer der letzten im Exodus ruft „Möge kein Unglück auf unsere verlassenen Häuser fallen“, bevor er sein Haus anzündet. Andere machen es ihm gleich; bald steht der Ort in Flammen.

Sie fliehen in Panik und Entsetzen. In ihrer Mitte läuft die Frau, die die die Vorahnung hatte. Sie schreit: „Ich habe gesagt, dass etwas Schreckliches passieren wird und alle haben gesagt, ich sei verrückt!“

Wie findest Du die Geschichte?

Die Evolution hat unser Stammhirn darauf trainiert, reale oder mutmaßliche Gefahren blitzschnell zu bewerten.
Im Zweifel sehen wir auch harmlose Dinge als Bedrohungen. Das war nützlich beim Überleben.

Die Kehrseite:
Wenn Angst zur Panik wird, können wir nicht mehr klar denken und folgen bereitwillig auch falschen Propheten.

Doch im Gegensatz zu Lemmingen haben wir Menschen auch ein Großhirn. Wir können es für kritisches Denken benutzen und Behauptungen prüfen, bevor wir sie glauben und Kassandra hinterherflattern.

Bevor wir Nachrichten ungeprüft weiterverbreiten und so vielleicht den Schneeball werfen, der die Lawine auslöst.

Ich wünsche Dir eine gelassene und freundliche Adventszeit.

Welche Gedanken sind Dir beim Lesen durch den Kopf gegangen? Ich freue mich, wenn Du sie mit uns teilst -  schreib doch bitte einen Kommentar.

Quellen

[1] Fact Check: Did Sweden Just Ban Christmas Lights To Appease Muslim Immigrants?
[2] Gabriel García Márquez: Algo muy grave va a suceder en este pueblo
(sehr frei ins Deutsche übertragen von CR)

Veröffentlicht von

alcudina.de

Dr. Christine Radomsky ist Sinn-Coach und Spezialistin für Selbstführung. Als Coach und Trainerin unterstützt sie ambitionierte Berufstätige in der zweiten Karrierehälfte, einen späten Karrierewechsel oder den Einstieg in den (Un)Ruhestand vorzubereiten. Auf ihrem SinnCoach-Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Gedanken und praktische Tipps für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guten Abend, Christine,

    Dein Beitrag erinnert mich an Michael Schmidt-Salomons „Keine Macht den Doofen“ und das Phänomen der Schwarmdummheit: Ameisen sind im Kollektiv intelligent, Menschen nicht. „Während sich aus der individuellen Beschränktheit der Ameisen eine kollektive Intelligenz ergibt, resultiert aus der individuellen Intelligenz der Menschen eine kollektive Beschränktheit: Erst gemeinsam sind wir richtig doof! “ ( http://www.keine-macht-den-doofen.de/ ) – und aktuell gibt es etliche Evidenzen dafür.

    Mit freundlichen Grüßen
    Xaver Schulze

    • Guten Morgen, Xaver,
      ich freue mich, von Dir zu hören! Vielen Dank für Deinen Kommentar und den Link zum Buch von Schmidt-Salomon. Klingt kontrovers, werde mal reinschauen.
      „Während sich aus der individuellen Beschränktheit der Ameisen eine kollektive Intelligenz ergibt, resultiert aus der individuellen Intelligenz der Menschen eine kollektive Beschränktheit“. Ja, das ist wirklich weit verbreitet.
      Auf der anderen Seite denke ich schon, dass es sehr vernünftige Gruppen-Einsichten und -Entscheidungen geben kann. Schon deshalb, weil Erfahrungen und Ansichten einer Einzelperson in der Regel einseitiger sind als die mehrerer (möglichst verschiedener) Menschen. Voraussetzung: gemeinsames Anliegen, konstruktive Kommunikation und Diversität der Beteiligten. Klappt oft bei guter Moderation oder Facilitation.
      Viele Grüße
      Christine

  2. Leider ist da viel dran. (Und dass in unseren Schulen immer mehr Fakten statt Denken und Reflektieren unterrichtet wird, macht es immer schlimmer.)
    In jungen Jahren habe ich mir mal überlegt, wie ich reagiere, wenn im Kino Feuer ausbricht. Mein Gedanke (wenn ich nicht zufällig unmittelbar am Ausgang sitze): Sooo flott ist ein Feuer dann doch nicht. Also erst mal mich am Platz in die Ecke drücken, während Hohlköpfe sich am Ausgang gegenseitig zu Tode trampeln, und dann in Ruhe über die Liegenden hinausklettern. Klingt zynisch, ist aber das Vernünftigste.

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