Wie Deine Sprache Deine Seele färbt

Wie geht es Dir gerade – in diesem Moment? Wie fühlst Du Dich, was denkst Du? Und was war der letzte Satz, den Du ausgesprochen hast?

Wenn es Dir ähnlich geht wie mir, bist Du mit Deinen Gedanken oft auf Autopilot. „Es“ denkt sozusagen in mir. Ohne dass ich wahrnehme, wie ich denke. In meinen Gedanken benutze ich oft die gleichen Begriffe, Schubladen und Muster.

Der Autopilot ist nützlich, weil er Energie spart. Schließlich verbraucht unser Gehirn mit 2 % der Körpermasse mehr als 50 % der Kohlehydrate, die wir täglich verzehren. [1]

Der Autopilot ist problematisch, wenn er uns ein Gedanken-Korsett anlegt. Er liebt es, andere zu verurteilen und sich aufzuregen.

Meckern – ein harmloses Vergnügen?

Gestern fuhr ich mit der S-Bahn zum Spanisch-Unterricht. Schräg gegenüber saß ein Herr in mittleren Jahren, die Parka über dem Anzug geöffnet. Kluge Augen, ein paar Sorgenfalten auf der Stirn, die Mundwinkel leicht nach unten. Vielleicht ein Ingenieur, ein Lehrer, ein Angestellter im Bezirksamt?

Ich fand ihn sympathisch. Bis er sein Smartphone zückte und einen Monolog begann. Zunächst beschwerte er sich über seinen Chef. Dann über eine Kundin, die immer neue Forderungen stellte. Schließlich über den neuen Praktikanten, der von nichts eine Peilung hatte. Trottel, Ziege, Versager. Seine Sorgenfalten wurden immer tiefer und die Stimme lauter und aggressiver.

Es war nicht zu überhören – der Mann war mit mehreren Menschen im Konflikt. Was fehlte ihm? Vielleicht brauchte er Wertschätzung auf Arbeit, mehr Unterstützung oder etwas mehr Zeit für sich.

Manchmal tut es ja gut, wenn wir akuten Frust einfach abladen können. Doch Dampf ablassen können wir auf unterschiedliche Weise.

Der Mann in der S-Bahn benutzte Worte, die andere beschimpfen. Doch das fordert von uns selbst einen hohen Preis. Besonders, wenn Schimpfen und Meckern zur Gewohnheit wird.

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Peter Linforth – pixabay.com – CC0

Über Probleme können wir auf verschiedene Weisen denken und reden:

  1. Alles doof, die anderen sind schuld (Aggression nach außen)
  2. Alles doof, ich bin schuld (Aggression nach innen)
  3. Selbstverantwortung übernehmen : Fakten, Gefühle, Wünsche auf den Tisch

Variante 1 und 2 (oder auch eine Kombination von beiden) sind weit verbreitet. Doch sie helfen uns nicht, Probleme zu entschärfen.
Langfristig führt Aggression nach außen zu Verbitterung oder Einsamkeit.
Aggression nach innen deprimiert und verringert unser Selbstwertgefühl.

Was können wir dann tun? Zweierlei.

1. Achtsamkeit für unsere Gedanken und Gefühle

Der erste Schritt ist, dass wir uns unserer Gefühle und Gedanken bewusst werden. Am besten üben wir das in ruhigen Momenten, damit uns diese Fähigkeit auch zur Verfügung steht, wenn wir emotional aufgewühlt sind.

Also: Wie geht es Dir jetzt? Was denkst Du gerade?

2. Ehrlich hinschauen: Selbstverantwortung übernehmen und klar kommunizieren

Die gewaltfreie Kommunikation von Rosenberg (GfK) [2] zeigt, wie wir Selbstverantwortung übernehmen können, ohne andere oder uns selbst zu beschuldigen oder klein zu machen.

Im Blogartikel Konflikte lösen mit Gewaltfreier Kommunikation findest Du einen GfK-Spickzettel.

Hier zur Erinnerung kurz die vier Schritte:

  1. Was ist passiert
  2. Wie fühle ich mich
  3. Was fehlt mir gerade
  4. Was wünsche ich mir vom Konfliktpartner/ von mir selbst

Sicher fühlt es sich manchmal befreiend an, einfach Dampf abzulassen. Doch auch dann gilt: Achte darauf, welchen Deiner Gedanken Du Glauben schenkst. Achte darauf, was Du sagst. Warum? Der römische Philosoph und Kaiser Marcus Aurelius hatte das schon im 2. Jahrhundert erkannt:

Deine Seele nimmt die Farbe Deiner Gedanken an (nach Marcus Aurelius)

Wie hältst Du es mit dem „Dampf ablassen“, wenn Du frustriert bist? Welche Erfahrungen hast Du gemacht, wie Dich Deine Sprache prägt? Ich freue mich auf Deinen Kommentar.

Quellen:
[1] Hirnforschung: Egotrip im Hirn
[2] Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens
[3] Sinn finden in der Gemeinschaft – Konflikte lösen mit Gewaltfreier Kommunikation

Veröffentlicht von

alcudina.de

Dr. Christine Radomsky ist Sinn-Coach und Spezialistin für Selbstführung. Als Coach und Trainerin unterstützt sie ambitionierte Berufstätige in der zweiten Karrierehälfte, einen späten Karrierewechsel oder den Einstieg in den (Un)Ruhestand vorzubereiten. Auf ihrem SinnCoach-Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Gedanken und praktische Tipps für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe über Deinen Blog-Artikel nachgedacht, liebe Christine. Du hast sicher Recht, dass Gedanken sich festsetzen können und das die Sprache das Wohlempfinden prägt. Meine Tricks dabei waren vor meiner Sportverletzung Joggen, um meine Gedanken aufzufrischen und Meditieren hilft mir auch. Ab und an schafft es aber auch Erleichterung, nicht zu meckern, aber zu jammern. Das hat schon den Effekt, dass man damit zugibt, ein Problem mit einer Sache zu haben, was bekanntlich oft der erste Schritt zu seiner Lösung ist, es ist quasi auch Selbstempathie. Ich finde nichts vergiftet die Gedanken so sehr, als Probleme heimlich zu wälzen: ein Problem zu haben, aber zu denken, man dürfte es nicht haben, bzw. sich nicht darüber beklagen. Oft kommen die Dinge erst durch das Aussprechen in Bewegung. Ich kann das Telefongespräch Deines S-Bahn-Gefährten nicht beurteilen, aber für mich ist es jedenfalls noch nicht die schlimmste Lösung, wenn er seine Probleme mit einer dritten Person bespricht. Es ist sicher auch nicht die beste Lösung, aber ich nehme an, dass dieser Mensch vielleicht noch nicht so viele Methoden zur Konfliktlösung kennt. Ich finde es jedenfalls immer noch besser, auf diese Weise Dampf abzulassen, als wenn er seinen Ärger in sich reinfressen würde. Immerhin schadet er mit seiner Art nicht wirklich einem Dritten, ausser vielleicht Dir in dieser Situation als Reisegefährtin, die er nervt. Wie gesagt, sein Verhalten ist nicht die beste Lösung, aber Konfliktlösungen lernt man bei uns auch nicht gerade in der Schule: ich jedenfalls kann mich nicht an solche Stunden erinnern. Schön finde ich das TED von der „Emotionalen Erste Hilfe“, die oft fehlt: https://www.ted.com/talks/guy_winch_the_case_for_emotional_hygiene?language=de und gut, dass ihr auch in dieser Richtung unterwegs seid mit Eurem Blog und Eurem Schaffen. So lernen vielleicht mit der Zeit, doch mehr Menschen bessere Tricks, mit Wut und Ärger umzugehen.

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Sabine. Ich stimme Dir zu, dass wir uns schaden, wenn wir Probleme unter den Teppich kehren. Gelegentliches Jammern kann immerhin kurzfristig Erleichterung schaffen. Ist natürlich keine langfristige Bewältigungsstrategie. Es wäre wirklich wichtig, schon in der Schule zu lernen, wie wir mit Angst, Wut & Co konstruktiv umgehen und Konflikte konstruktiv lösen. In manchen Schulen gibt es das schon im Ansatz (Konfliktlotsen). Das TED-Video passt gut zum Thema – danke, dass Du den Link hier veröffentlichst.

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