Wie Du Struktur und Spontanität ausbalancierst (Selbstführung konkret)

Bist Du eher ein spontaner Typ oder ein strukturierter? Willst Du manchmal etwas daran ändern? Vielleicht interessiert Dich das Thema von Sabine. In einem Kommentar auf dem SinnCoach Blog schreibt sie:

"Liebe Christine, ich wünsche mir einen Artikel über die Gratwanderung zwischen Struktur und Spontanität. Ich versuche gerade Struktur in mein Leben zu bringen, aber es kommt mir manchmal so vor, als übertreibe ich es. Die Punkte, in denen ich Struktur etabliere, halte ich jetzt so streng ein, als ob es gar nicht anders ginge, vielleicht in der Angst, die erarbeitete Struktur wieder zu verlieren. Manchmal kommt mir das ein bisschen verkrampft vor. Was sagst Du dazu? ...".

Vielen Dank für diesen spannenden Themenvorschlag, Sabine!

Spontanität und Struktur - warum wir beides brauchen

Spontanität und Struktur sind Gegenpole. Dennoch sind beide wichtige Werte und menschliche Qualitäten. Beide helfen uns, ein erfülltes Leben zu führen. Warum ist das so?
Struktur hilft uns bei der Orientierung und befriedigt unser Bedürfnis nach Sicherheit.
Spontanität macht uns Spaß und befriedigt unser Bedürfnis nach Freiheit.

crazy_horse_auvergne0146_s
Menschen haben unterschiedliche Vorlieben. Wie Du in Sachen Struktur und Spontanität tickst, hängt von Deinen Anlagen, Deiner Sozialisierung und Persönlichkeitsentwicklung ab.

Ich neige zur Struktur. Dinge zu analysieren oder Vorhaben zu planen und durchzuziehen liegt mir. Spontanität ist eher weniger mein Ding.

Andere Menschen finden Struktur eher anstrengend, weil sie zur Spontanität neigen. Sie entscheiden gern kurzfristig, welchen Weg sie einschlagen, und ändern ihn auch schnell wieder.

Ist einer der beiden Werte und Verhaltensweisen "besser" als der andere? Nein. Wie bei so vielem ist es eine Frage der richtigen Dosierung.

Der Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun bringt das mit seinem Werte- und Entwicklungsquadrat anschaulich auf den Punkt [1].

Das Werte- und Entwicklungsquadrat

Jeder uns wichtige Wert ist nur dann hilfreich, wenn er den Spannungsbogen zum Gegenwert aushält. Übertreiben wir einen Wert, verwandeln wir ihn in seine Karikatur, einen Un-Wert.

Du willst ein Beispiel? Wie wäre es mit Sparsamkeit versus Großzügigkeit? Zu viel vom einen oder anderen führt zu Geiz bzw. Verschwendung.

Halten wir jedoch die Spannung zwischen entgegengesetzten Werten aus (und geben auch dem Schwesternwert unseres "Lieblingswertes" Raum), erweitern wir unsere Möglichkeiten und entwickeln unsere Persönlichkeit.

So ganz nebenbei lernen wir dabei auch, entspannter mit Menschen umzugehen, die anders ticken als wir selbst.

Schauen wir uns das für beiden so unterschiedlichen Schwestern Spontanität und Struktur an.

Wertequadrat: Spontanität versus Struktur - Schulz von Thun
Für beide Werte gibt es ein optimales Maß.

Zu viel Struktur - wie auch zu wenig Spontanität - führen zu Rigidität und Erstarrung.
Zu viel Spontanität - wie auch zu wenig Struktur - führen zu Chaos und Verzettlung.
In der Infografik sind diese vier Irrwege durch die grauen Pfeile angedeutet.

Die fliederfarbene Linie symbolisiert den Spannungsbogen zwischen den beiden Werten.

Wieviel Spontanität, wieviel Struktur fühlt sich gut für Dich an?

Das "optimale Maß" ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Außerdem hängt es vom Kontext ab. Spiele ich mit meinem Enkel, vergesse ich vorübergehend meine Vorliebe für Strukturen und geordnete Abläufe. Ich genieße dann, spontan zu sein :-).

Zurück zu Sabine. Sie bemüht sich gerade, mehr Struktur in einen Teilbereich ihres Lebens zu bringen. In einem Coaching würde ich sie unter anderem fragen:

  • Wozu ist es gut, dass Du das tust?
  • Wie lange willst Du das tun?
  • Wenn Du es geschafft hast, wie sieht dann Dein Leben aus? Stell es Dir ganz genau mit allen Sinnen vor. Wie froh macht dich diese Vorstellung? (Bauchgefühl!)
  • Wieviel Struktur, wieviel Spontanität fühlt sich in diesem Kontext gut für dich an? 90:10?, 60:40, 50:50, ...?
  • Was wäre, wenn Du in diesem Kontext beides ausleben würdest? Wozu könnte das gut sein? Wie würdest Du das anfangen?

Und noch ein Gedanke. Seit einem Jahr trage ich einen Fitness-Band, damit ich ausreichend laufe und so ganz nebenbei etwas für meine Fitness tue. An manchen Tagen schaffe ich die angepeilten 10.000 Schritte nicht. Na und?

"Alles oder nichts" ist oft nicht hilfreich.

Was macht es schon, wenn wir die angestrebte Verhaltensweise einen Tag nicht durchhalten. Warum nicht über uns lächeln, uns verzeihen und am nächsten Tag wieder auf Kurs sein? Am nächsten Tag, wohlgemerkt - einreißen sollte der "Schlendrian" nicht.

Hast Du ein ähnliches Anliegen wie Sabine und willst Dein Verhaltensrepertoire gezielt erweitern? Dann lade ich Dich ein, zuerst Schulz von Thuns Wertequadrat für Dein Thema zu skizzieren. Vielleicht magst Du anschließend ähnliche Fragen für Dich beantworten.

Ich freue mich, wenn Du Deine Gedanken zu diesem Artikel in einem Kommentar mit uns teilst.

Quelle

[1] Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung

Veröffentlicht von

alcudina.de

Dr. Christine Radomsky ist Sinn-Coach und Spezialistin für Selbstführung. Als Coach und Trainerin unterstützt sie ambitionierte Berufstätige in der zweiten Karrierehälfte, einen späten Karrierewechsel oder den Einstieg in den (Un)Ruhestand vorzubereiten. Auf ihrem SinnCoach-Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Gedanken und praktische Tipps für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Christine,
    nur kurz ein Gedanke. Ob ein Mensch lebhaft und spontan oder eher ruhig und bedächtig ist, ist meiner Meinung nach vor allem angeboren. Das habe ich bei der Beobachtung vieler Kleinstkinder festgestellt. Danke für den interessanten Blog-Artikel.
    Uta

    • Hallo Uta,
      vielen Dank für Deine Anregung. Das Temperament eines Menschen ist tatsächlich weitgehend angeboren. Wenn es darum geht, ob ein Mensch eher zu Struktur oder Spontanität tendiert, spielt das Temperament sicher eine Rolle. Ein zweiter Faktor ist die Sozialisierung. Und schließlich haben wir als Erwachsene dann trotz aller Vorprägung in der Hand, mehr oder weniger Struktur/Spontanität auszuprobieren. Damit erweitern wir unsere Möglichkeiten.
      Herzliche Grüße
      Christine

  2. Liebe Christine, vielen Dank für den interessanten Artikel. Was für ein toller Service, so prompt und ausführlich eine Antwort auf meine Frage zu bekommen. Dann will ich auch gleich noch Deine Fragen mit beantworten: Ich tue es, um Verhaltensweisen in meinem Leben zu etablieren, die ich mir wichtig sind und, die mir ohne Struktur schwer fallen würden. Ich bin ansonsten ein eher spontaner Mensch, also habe ich keine Angst, das der Gegenpol zu kurz kommt. Und Struktur=Erstarrung, da sehe ich auch keine Gefahr, weil sich die Struktur für mich immer der Lebenssituation unterordnen muss. Gerade hat sich meine Lebenssituation durch eine Sportverletzung geändert, und deshalb bin ich noch dabei eine neue Struktur zu etablieren, die zu meiner geänderten Lebenssituation passt. Ich tue das auch, dadurch, dass ich beobachte, was mir in der jeweiligen Lebenssituation besonders wichtig ist und dann ist es so, wie Du in Deinem Artikel sagst: es gibt mir Halt und Sicherheit und Trost, wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Vor der Sportverletzung betraf meine Struktur Sport und den Tagesablauf. Jetzt ist die Sportkomponente für ein paar Wochen gekippt, aber ich beobachte, dass mir in der jetzigen Situation Ordnung wichtiger wird und versuche gerade den Sport durch eine Ordnungs-Halte-Routine zu ersetzen. Beides Sport und Ordnung sind Lebenswünsche von mir, die mir schwer fallen, aber mich auch froh machen und deshalb würde ich die Strukturen jeweils solange aufrecht erhalten, bis sie automatisiert sind. Und Du hast Recht, man kann auch mal davon abweichen und dann am nächsten Tag einfach weitermachen, bloss kein Vorwürfe und ja über sich Lächeln und weiter gehts. Danke, Dein Artikel hat mein Frage beantwortet und mir geholfen das Thema weiter zu reflektieren! Sehr schön und nochmals herzlichen Dank dafür!

    • Liebe Sabine, herzlichen Dank für Deinen detaillierten Kommentar. Ich freue mich, dass Du mit dem Artikel etwas anfangen konntest. Es hat mir Spaß gemacht, ihn für Dich und Menschen mit ähnlichem Thema zu schreiben. Danke auch, dass Du sogar Deine persönlichen Antworten zu den Coaching-Fragen mit uns teilst. Gute Besserung der Sportverletzung und viel Erfolg beim Etablieren Deiner neuen Wunsch-Verhaltensweisen!
      Herzlichst
      Christine

Schreibe einen Kommentar


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst Du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen