Pleiten, Pech und Pannen – die ungeliebten Schwestern des Erfolgs. Vom Umgang mit Niederlagen.

Diesen Traumjob in Paris habe ich so sehr gewollt. Und ihn nicht bekommen.

Wie ich meinen Traumjob nicht bekam

Mittwoch 14:00 in Velizy bei Paris. In einem Meetingraum mit kaltem Licht warte ich auf den Personalverantwortlichen eines internationalen Konzerns. Ich habe mich auf eine Führungs-Position in der Software-Qualitätssicherung beworben. Schon vor Jahren hatte ich immer wieder Trainings für französische Software-Ingenieure geleitet. Und mir gewünscht, für längere Zeit in Paris zu arbeiten. Ein erster Erfolg: Ich bin zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Ich bin aufgeregt und zugleich zuversichtlich. Der Personaler erscheint mit zwei Begleitern. Er ist höflich, verzieht jedoch keine Miene. Nach einer Stunde Interview werden die Fragen immer härter. Ich spüre, wie mir trotz Klimaanlage die weiße Bluse am Körper klebt.

Eine Woche später landet die Email mit der Absage in meinem Postfach. Der Misserfolg beschäftigt mich wochenlang. Meine Berufserfahrung passte nahezu perfekt auf die Stellenausschreibung. Ich war gründlich vorbereitet. Was habe ich nur falsch gemacht? Ich ärgere mich im Nachhinein, dass ich im Interview Französisch gesprochen habe. Englisch fällt mir leichter und hätte für eine ausgewogenere Gesprächssituation gesorgt. Und diese eine provokante Frage des Personalers – hätte ich darauf nicht souveräner antworten können? Hätte, wäre und so weiter... Mein Verstand weiß genau, das Interview ist gelaufen und nicht mehr zu ändern. Doch gleichzeitig bin ich enttäuscht, deprimiert und im Gedankenkarussel gefangen. Selbstzweifel melden sich.

Kennst Du ähnliche Situationen? Du hast Dich gut vorbereitet, alles gegeben und dann – Pleite, Pech, Panne? Wie ich meinen Pariser Misserfolg schließlich verarbeitet habe, erzähle ich Dir am Ende des Artikels.

Misserfolg - der Bruder des Erfolgs

Vom Umgang mit Niederlagen

Doch lass mich vorher noch zwei unterschiedliche Möglichkeiten gegenüberstellen, wie Menschen mit Niederlagen umgehen.
Im deutschsprachigen Raum scheinen Fehlschläge tabu zu sein. Mit eigenen überzogenen Ansprüchen und Erwartungen des Umfeldes programmieren sich viele Menschen auf andauernden Erfolg. Das erzeugt unnötigen Stress, denn ständiger Erfolg ist ein Hirngespinst. Vor allem, wenn wir etwas Neues riskieren, um uns weiter zu entwickeln, sind Fehlschläge ganz normal.

Im englischsprachigen Raum werden Fehlschläge dagegen eher entspannt betrachtet. Firmengründer, Schriftsteller und andere ambitionierte Menschen sehen sie als Gelegenheiten zum Lernen und Neuanfang. Hier zwei Beispiele. Steve Jobs wurde aus der Firma gefeuert, die er selbst gegründet hatte. Joanne K. Rowling lebte von Sozialhilfe, bevor sie den ersten Band von „Harry Potter“ veröffentlichte. Auch weniger prominente Menschen verschweigen ihre Fehlschläge selten, wenn sie auf dem Weg zum Erfolg auf die Nase fallen.

Der Führungsexperte Boris Grundl bringt es auf den Punkt:

Jeder Sieger steht auf einem Berg von Niederlagen.

Was wäre, wenn wir uns lockerer zu unseren Reinfällen bekennen würden?

Johannes Haushofer hat es getan und damit Freunden geholfen, die von Misserfolgen deprimiert waren. Der Psychologe und Ökonom stammt aus dem fränkischen Städtchen Hof. Er studierte und promovierte in Oxford, Harvard und Zürich und arbeitete am renommierten MIT in Cambridge. Heute hat er eine Professur an der Princeton University. Was für eine Karriere. Dennoch – auch Haushofer musste zahlreiche Ablehnungen und Misserfolge wegstecken. Aufsehen erregte er, als er seinen CV of Failures ins Netz stellte. Dieser Lebenslauf des Scheiterns beginnt mit dem Satz

Das meiste, was ich versuche, gelingt mir nicht. Aber diese Rückschläge sind meistens unsichtbar, während meine Erfolge sichtbar sind.

Willst Du wissen, wie es nach meiner abgelehnten Bewerbung bei der Pariser Firma weiterging? Erst nach vielen Monaten hatte ich die Niederlage verarbeitet. Noch später erfuhr ich, dass die internationale Ausschreibung eine Farce war und die Stelle unbedingt durch einen Franzosen besetzt werden sollte. Ich hatte also von vornherein keine Chance.

Was ich daraus gelernt habe für solche und ähnliche Herausforderungen?

Gib Dein Bestes, doch rechne damit, dass die anderen Akteure ihre eigene Agenda haben. Glaube nicht, dass Du eine solche Situation kontrollieren kannst. Bleib lieber gelassen.

Immerhin habe ich mich getraut, nur das zählt. Und später einen alternativen Traumjob gefunden, doch das ist eine andere Geschichte.

Wie gehst Du mit Misserfolgen und Fehlschlägen um? Fällt es Dir schwer, darüber zu sprechen? Gelingt es Dir, daraus zu lernen, später vielleicht sogar darüber zu lachen? Wenn Du magst, teile doch bitte Deine Erfahrung in einem Kommentar.

Veröffentlicht von

alcudina.de

Dr. Christine Radomsky ist Sinn-Coach und Spezialistin für Selbstführung. Als Coach und Trainerin unterstützt sie ambitionierte Berufstätige in der zweiten Karrierehälfte, einen späten Karrierewechsel oder den Einstieg in den (Un)Ruhestand vorzubereiten. Auf ihrem SinnCoach-Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Gedanken und praktische Tipps für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.

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