Komfortzone verlassen: Wie Du etwas packst, das Du noch nicht kannst

Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade „Komfortzone verlassen? Oder lieber doch nicht?!“ von Christine Winter auf Stille-Stärken.de

Wie wir drei Korsen interviewten, ohne Französisch zu können

Bist Du Dir schon mal richtig dämlich vorgekommen? Ich erinnere mich gut daran, wie sich das anfühlt, wenn wir unsere Komfortzone verlassen. Wozu ist das gut? Und was kannst Du dabei lernen?

Pfingst-Urlaub am Mittelmeer. Die Sonne brennt auf der Haut, der Nordwind riecht nach Salz und Macchia. Im tiefblauen Himmel zerfasert er wenige Wölkchen. Die Wellen klatschen an das Ufer. Ich stehe am Kai eines Fischerdorfs im Norden Korsikas und komme mir doof vor. Ich starre auf die Recording-App meines Handys und denke an die Tagesaufgabe: drei Interviews mit wildfremden Menschen. Auf Französisch, dabei sind meine Sprachkenntnisse nur rudimentär. Deshalb bin ich ja auch in Macinaggio zum Intensiv-Französischkurs. Dass die Kursleiterin uns gleich am dritten Tag losschickt, um wildfremde Menschen zu interviewen, hatte ich nicht geahnt. Ich fühle einen Kloß in der Kehle und ein flaues Gefühl im Magen. Mein innerer Schweinehund meldet sich vernehmlich: "Dein Französisch ist grottenschlecht. Du kannst das nicht. Die Leute werden Dich auslachen. Wie peinlich! Setz Dich lieber mit einem Café au lait in das Strandcafé".

Komfortzone verlassen: Sprachkurs auf Korsika

Ein kleiner Trost - wir sind zu zweit. Doch meiner Kollegin Anja geht es ähnlich wie mir, sie schaut mich ratlos an. Kneifen? "Kommt nicht in Frage", sage ich zu Anja und meinem inneren Schweinehund. Was kann denn als Schlimmstes passieren, frage ich mich. Dass niemand mit uns reden will? Dass ich Fehler mache und mir die Worte fehlen? Dass mich jemand auslacht? Okay - unangenehm, aber keine große Sache. Vielleicht läuft es ja auch ganz anders und wir lernen einen freundlichen Einheimischen kennen, der uns erzählt, wie er hier so lebt. Das könnte doch ganz interessant sein.

Wir schauen uns nach unserem ersten "Opfer" um. Am Hafen ankern Fischerboote. Fischer stapeln Doraden und Riesenkrabben auf Holztische, wo sie fangfrisch verkauft werden. Ein paar Meter weiter sitzt ein alter Mann auf einem Holzklotz. Wettergegerbtes Gesicht, freundliche Augen und starke Hände. Geduldig flickt er ein Fischernetz. Okay, das ist unser Mann. "Bonjour, comment allez vous?" Ich erkläre dem alten Fischer unser Anliegen und frage ihn, ob er ein paar Minuten Zeit für uns habe. Er stutzt, als ihm Anja ihr Handy unter die Nase hält. Dann lächelt er und fragt uns, woher wir kommen und wie uns Korsika gefällt. Es ist einfacher, als ich mir vorgestellt habe. Wir stellen ein paar Fragen, dann kommt Jean ins Erzählen. Als er klein war, durften die Kinder kein Korsisch in der Schule sprechen. Damals gab es viel mehr Doraden und Makrelen, doch heute bringt der Tourismus das Geld in die Stadt. Vierzig Jahre hat er hier als Fischer gearbeitet, heute hilft er seinem Sohn. Jean erzählt von seiner Frau und seinen drei Enkeln. Von der korsischen polyphonen Musik, die er so liebt [1].

Als er schweigt und versonnen auf das Meer schaut, bedanken wir uns herzlich und schlendern weiter. Jetzt haben wir uns einen Café noir verdient.
Cafe noirIm kleinen Hafencafé sitzen wir im Schatten von Weinranken. Wir sind fast die einzigen Gäste. Der Chef des Hauses hat also Zeit für uns und unser Interview. Auch das läuft gut - bis wir nach der korsischen Unabhängigkeitsbewegung fragen. Dann verstummt er und wir haben Mühe, das Gespräch mit weniger verfänglichen Fragen wiederzubeleben. Auch die Chefin der Bäckerei lässt sich von uns interviewen, nachdem wir zwei köstliche pain au chocolat gekauft haben. Nebenbei erfahren wir den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Baguette und einem richtig guten Banette. Erleichtert und aufgekratzt bummeln Anja und ich zum Strand. Wir haben noch drei Stunden Zeit, bevor sich die Sprachschüler wieder treffen. Jetzt geht es uns richtig gut und wir sind ein bisschen stolz auf uns. Drei Interviews mit Einheimischen auf dem Handy gespeichert - das hätte ich mir heute morgen noch nicht zu träumen gewagt. Ich weiß jetzt etwas mehr von den stolzen Korsen und ihrer Insel. Und ich habe noch mehr gelernt:
* Die meisten Leute erzählen gern ihre Geschichten, wenn sie gefragt werden
* Du brauchst eine Sprache nicht perfekt zu beherrschen, um mit Einheimischen zu reden
* Der Schritt aus der Komfortzone ist nur am Anfang unangenehm

Komfortzone verlassen: Was Du gewinnst, wenn Du Dich traust

Was ist eigentlich die Komfortzone? Und weshalb solltest Du sie ab und zu verlassen?
Kennst Du das Modell von den drei Zonen beim Lernen? Wenn Du mit einer neuen Situation konfrontiert bist, kannst Du Dich verschieden fühlen:
* entspannt oder sogar gelangweilt
* aktiviert, interessiert, aufgeregt
* von Angst überwältigt

Komfortzone-Lernzone-Panikzone

In der Komfortzone bewältigst Du alles mit „links“. Hier kannst Du es dir gemütlich machen, Dich auf Deinen Fähigkeiten ausruhen. Du fühlst dich sicher und musst nicht viel Energie aufwenden. Dennoch - als „Couch-Potato“ lernst Du nichts wirklich Neues. Allenfalls vertiefst Du Fähigkeiten, die Du ohnehin schon gut drauf hast.

Tiefes Lernen und persönliches Wachstum findet nur in der Lernzone statt. Du brauchst etwas Verunsicherung, eine Diskrepanz zwischen Deinen aktuellen und angestrebten Fähigkeiten, damit Du aktiv wirst. Das kann zuweilen unbequem sein, auch etwas Angst schadet nicht. So ging es Anja und mir vor den Interviews.

Nachhaltig Lernen - PanikzoneFühlst Du Dich allerdings von der Lernaufgabe überwältigt, verlässt Du die Lernzone Richtung Panikzone. Hier spürst Du massive Unsicherheit und Angst. In diesem Gemütszustand kannst Du nur Deine alten Routinen abfahren. Du bist dann unfähig zum Experimentieren und kreativen Gestalten. Unfähig, etwas wirklich Neues zu lernen.

Was genau hast Du davon, Deine Komfortzone immer wieder mal in Richtung Lernzone zu verlassen? Du entwickelst Deine Persönlichkeit - in jedem Alter. Schritt für Schritt bewältigst Du Dinge, die Du Dir früher nicht zugetraut hast. Irgendwann findest Du sogar Spaß daran. Mit Ausflügen in die Lernzone weitest Du übrigens Deine Komfortzone aus. Mich beeindruckt die Engineering-Professorin und Lern-Expertin Barbara Oakley [2], die in ihrer Jugend ein Mathe-hassendes Barby-Girl war. Jetzt fühlt sie sich in Wissenschaft und Technik zu Hause.Natürlich kannst Du Deine Ausflüge in die Lernzone viel kleiner angehen - je nachdem, was Du vorhast.

Komfortzone verlassen: Wie Du den Schritt in die Lernzone trainierst

Hier sieben Tipps für Dich (inspiriert von Ben von anti-uni.com [3]):
* Schreib auf oder skizziere, was Du vorhast
Damit erinnerst Du Dich an Dein Vorhaben. Am besten legst Du auch einen Termin fest, wann Du Dein Vorhaben startest. Pinne einen Zettel an die Pinnwand oder eine Erinnerung auf das Smartphone.
* Überlege Dir, was passieren könnte - schlimmstenfalls und bestenfalls
Ein Worst-Case-Szenario zeigt Dir, dass auch das fatalste Resultat Deines Experimentes in der Regel nicht so schlimm ist. Ein Best-Case-Szenario macht Dir Lust darauf, die Sache durchzustehen.
* Überlege Dir, womit Du Dich anschließend belohnst
Ganz wichtig! Damit verknüpfst Du den Schritt aus der Komfortzone mit einem positiven Gefühl.
* Organisiere Dir Unterstützung
Erzähle lieben Menschen oder Freunden von Deinem Vorhaben. Natürlich nur solchen, die Dich nicht mit allerlei Bedenken überschütten. Vielleicht findest Du auch einen Lernpartner, der den Schritt mit Dir gemeinsam geht.
* Tu es! Fang klein an und gehe den ersten Schritt
Wenn Du Dich entschlossen hast, dann tu es. Weiteres Nachdenken ist kontraproduktiv. Am besten gehst Du den ersten Schritt noch am selben Tag. So bekommst Du Schwung durch ein erstes Erfolgserlebnis.
* Sei neugierig und fehlertolerant
Falls Du auf die Nase fällst, nimm es sportlich. Immerhin hast Du Dich getraut und etwas dabei gelernt. Das nächste Mal klappt es besser.
* Trainiere regelmäßig eine kurze Einheit "Lernzone"
Stell Dir Deine Fähigkeit, unangenehme neue Situationen auszuhalten, wie einen Muskel vor. Sie will trainiert werden - möglichst regelmäßig. Allerdings nur für kurze Zeit, sonst verbrauchst Du zu viel Energie.
Nachhaltig Lernen - Raus aus der Komfortzone - BalanceManche Menschen machen sich einen Mordsspaß aus solchen Aktionen. Wie Ben und Tim mit ihrer Comfort Zone Challenge in der Wiener Innenstadt [4].

Es gibt sogar entsprechende Trainings. So hat Sabine Lipski, Ingenieurinnenbund-Gründerin und Coach, einen Workshop geleitet, bei denen sich die Teilnehmerinnen ungewohnten Situationen in der Berliner City aussetzten [5]. Stell Dir vor, Du setzt Dich in einen Rollstuhl und willst in die Berliner U-Bahn. Schon eine Herausforderung, oder?

Fazit: Wenn Du Neues lernen willst, solltest Du immer mal wieder Deine Komfortzone verlassen. Das ist gar nicht so schwer. Probier doch mal ein paar der genannten Tipps aus.
Ein bisschen Angst dabei zu haben ist okay. Kultiviere Deine Neugier und experimentiere. Viel Spaß und Erfolg dabei!

Bei welcher Gelegenheit hast Du das letzte Mal Deine Komfortzone verlassen? Was hast Du dabei erlebt? Ich freue mich auf Deinen Kommentar.

Quellen:

[1] A Tramula - U cantu di i pantani (chant polyphonique Corse, Video 3 min)

[2] Barbara Oakley (Englisch)

[3] Wie dich deine Komfortzone ständig austrickst

[4] Komfort Zone Challenge Duell (Video 3:45 min)

[5] Workshop „Raus aus der Komfortzone“

[6] Raus aus der Komfortzone!

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Veröffentlicht von

alcudina.de

Dr. Christine Radomsky ist Sinn-Coach und Spezialistin für Selbstführung. Als Coach und Trainerin unterstützt sie ambitionierte Berufstätige in der zweiten Karrierehälfte, einen späten Karrierewechsel oder den Einstieg in den (Un)Ruhestand vorzubereiten. Auf ihrem SinnCoach-Blog unter alcudina.de/sinncoach_blog teilt sie Gedanken und praktische Tipps für lebenslange persönliche Entwicklung und ein sinnerfülltes Leben.

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Christine, danke für deine Beschreibung der drei Zonen. Das heißt aber, dass die Üanikzine über kurz oder lang zur Lernzone wird, wenn ich mich ständig erweitere… ?! 😜 Lg Eva Laspas

    • Ganz genau, liebe Eva. Ein Stückchen der ehemaligen Panikzone wird dann zur Lernzone (und ein Stückchen der ehemaligen Lernzone gehört dann bereits zur Komfortzone). Die beiden inneren Zonen weiten sich also aus, wenn Du immer wieder Neues lernst. Finde ich faszinierend 😉.

  2. Hallo Christine.

    tolle Geschichte die mal wieder zeigt wie wenig es nötig ist perfekt zu sein oder etwas perfekt zu können. Schwer ist meist nur der erste Schritt heraus aus der Komfortzone, wenn man erstmal erfahren hat wie wertvoll solche Situationen sein können, fällt es deutlich leichter.

    Gruß
    Sascha

    • Hallo Sascha,
      ja, das stimmt. Wenn man das erstmal erfahren hat, fällt der Schritt aus der Komfortzone beim nächsten Mal leichter – auch wenn es eine ganz andere Herausforderung ist. Danke für deinen Kommentar.
      Gruß
      Christine

  3. Ui, ich kriege schon Bauchgrummeln, wenn ich nur die Geschichte lese – für mich wäre so eine Aufgabe wohl eine Nummer zu groß gewesen.
    Und das ist wohl der Trick beim Lernen: Gerade so weit über das Gewohnte hinauszugehen, dass es zwar schon ein nervöses Kribbeln, aber noch keine hilflose Überforderung auslöst.

    Danke für deinen Beitrag zu meiner Blogparade.
    Herzliche Grüße,
    Christine Winter

  4. Zu deinem Artikel fällt mir der Spruch ein: „Wenn das Ziel zu leicht zu erreichen ist, ist es kein richtiges Ziel“. Womöglich kann auf die Verfolgung von Zielen sogar verzichtet werden, wenn die Herausforderung fehlt. Das verfolgen von Zielen ist besser als Problemen nachzudenken. Von daher lohnt es sich, die Komfortzone zu verlassen, wenn ich innerhalb der Komfortzone mit den immer selben problematischen Situationen zu tun habe.

    • Das leuchtet mir ein – kein (richtiges) Ziel ohne Herausforderung. Ich finde Deinen Gedanken interessant, dass die Komfortzone ja gar nicht immer kuschelig ist. Nämlich dann, wenn ich in ihr meine problematischen Situationen kultiviere. Danke für die Anregung, Ralf.

  5. Eine hübsche Geschichte, die deutlich macht, wie man sich neuen, schwierigen Aufgaben zuwenden kann.
    Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass ich ähnliche Erfahrungen gesammelt habe.
    Wie schwer ist es mir gefallen mit Mitte 50 mit Gitarre spielen anzufangen, und dass wo ich keinerlei musikalische Vorbildung hatte. Wie groß war dann aber die Freude und der Stolz auf die ersten annähernd harmonisch klingenden Melodien. Der Weg dahin war allerdings beschwerlich und verlangte immer wieder die Angst vor dem “ das bringst du nie“ zu überwinden. Dabei habe ich auch gelernt, das Perfektion als Vision hinderlich ist, dagegen es sich lohnt tolernater mit mir selbst zu sein.
    Danke für die Anregung.

    • Schön, dass Du mit Deiner Herausforderung Gitarrespielen ähnliche Erfahrungen gemacht hast, Hotti. Es tut gut, sich das ab und an mal zu vergegenwärtigen. Sich an den beschwerlichen Weg, aber vor allem auch an die Freude und den Stolz zu erinnern. Das gibt dann Schwung, dranzubleiben oder den nächsten Igel zu kämmen. „Perfektion als Vision ist hinderlich“ – genau! Danke, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst.

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